Bei Wind und Welle: Küstenpaddeln

Viele Wasserwanderer suchen für ihre Kanutouren am liebsten nach seichten, übersichtlichen und ruhigen Revieren auf Binnengewässern. An das Paddeln entlang der Küste, von der es in Mecklenburg-Vorpommern reichlich gibt, denken die Wenigsten. Und diejenigen, die es tun, sind meist ohnehin passionierte und erfahrene Küstenpaddler mit speziellen Kanus und Sonderausrüstung. Aber kann ich mich eigentlich auch mit einem gewöhnlichen Kajak oder einem Faltboot auf die offene See wagen oder ist das Meer damit Tabu?

Klar ist: Die Verhältnisse an der Küste sind häufig andere als auf Binnengewässern. Das liegt vor allem daran, dass auf dem offenen Meer bzw. auf größeren Gewässern allgemein der Wind frei wirken kann. Bedeutet also: Wellen und Strömung! Dazu kommt der Salzgehalt des Meerwassers, der manche Bootsmaterialien angreift, sowie der Einfluss der Gezeiten. Außerdem muss in Küstengewässern, die fast immer gleichzeitig auch regulierte Seeschifffahrtsstraßen sind, in größeren Distanzen gedacht werden als im Binnenland. Navigation und Orientierung spielen hier eine wichtigere Rolle.

Meine Meinung: Wenn man in der Lage ist, sich auf diese maritimen Verhältnisse einzustellen und sie nicht scheut, kann man durchaus auch ohne spezielle »Seekajaks« auf das offene Meer hinaus, zumindest solange das Ufer in Sicht- und Reichweite bleibt. Um es aber klar zu sagen: Ich meine damit keine kilometerweiten Gewässerquerungen (z. B. von Insel zu Insel) fernab der Küste! Das ist wesentlich anspruchsvoller und benötigt doch etwas mehr als nur Erfahrung. Wenn man aber stets die Möglichkeit hat, anzulanden, sehe ich grundsätzlich kaum Gründe, die gegen eine Befahrung der Küstengewässer auch ohne Seekajak sprechen. Voraussetzung dafür ist aber, dass man sich und andere nicht fahrlässig in Gefahr bringt. Deshalb gibt es trotzdem einiges zu beachten.

Das richtige Boot

Seekajaks sind speziell dafür konstruiert, um auf offener See zu operieren. Das zeigt sich bspw. an der Form des langen, flachen und schmalen Bootsrumpfes, der Wind und Wellen wenig Widerstand entgegensetzt und gleichzeitig ein zügiges Vorankommen gewährleisten soll. Außerdem haben Seekajaks standardmäßig spezielle Ausrüstungen, wie bspw. einen Kompass und eine Lenzpumpe, an Bord. Sie sind für Kanutouren auf längere Distanzen ausgelegt. Deshalb bieten sie viel Stauraum für Gepäck, sowohl unter als auch über Deck (wasserdichte Gepäckluken und Spanngurte). Darüber hinaus sind Steueranlage und Skeg obligatorisch, um allzeit auf Kurs zu bleiben und nicht abzudriften. Selbstverständlich sind auch die Sitzluken und andere Öffnungen wasserdicht verschließbar.

Mit Kenntnis des Optimums können wir nun entscheiden, inwieweit das eigene Boot diesen Ansprüchen genügt bzw. wo es Defizite gibt. Keine Abstriche sollte man meiner Meinung nach beim (zumindest spritzwasserdicht) verschließbaren Deck sowie der Steueranlage machen, die zwingend nötig ist. Gepäck sollte möglichst sicher verstaut werden können, damit es bei Seegang nicht einfach über Bord, oder bei Kenterung gar verloren geht. Wind und Wellen können große Kräfte freisetzen. Hält das Material meines Bootes diesen Belastungen im Ernstfall stand? Wie reagiert es auf Salzwasser? Das sind entscheidende Fragen.

Die Bootsform halte ich ansonsten für weniger relevant, da man mit einem breiten Kanu womöglich zwar langsamer vorankommt, es aber dadurch gleichzeitig kippstabiler im Wasser liegt als ein Seekajak. Die Form des Bootes, der Aufbauten und des Gepäcks sollte dennoch generell dem Wind und den Wellen möglichst wenig Angriffsfläche bieten. Auch Bootskennzeichnungen sind auf hoher See häufig nötig.

Die nötige Ausrüstung

Für das gelegentliche Küstenpaddeln muss man sich also nicht zwingend gleich ein neues Kanu zulegen – ein paar Ausrüstungsgegenstände halte ich hingegen für zwingend nötig: Eine Auftriebsweste (noch besser: Rettungsweste), Lenzpumpe und Notsignale (bspw. eine Trillerpfeife, Lichtsignale oder wasserdichte Notruf-Sendegeräte) sollten obligatorisch sein bei Kanutouren auf dem Meer. Optimalerweise verfügt man auch über eine aktuelle See- oder zumindest Wasserwanderkarte zum Navigieren und über das Verständnis dieser. Kompass, Paddelsicherung, Fernglas, Kajaksegel, Paddelhandschuhe oder -pfötchen, (polarisierte) Sonnenbrille und Schlepp-/Lifeline können darüber hinaus nützliches Zubehör sein. Allwetterkleidung, die wasserdicht verpackt werden kann, ist ohnehin selbstverständlich.

Wetterkunde

Die ständige Wetterbeobachtung und deren realistische Einschätzung bewerte ich indes als wichtigsten Punkt beim Küstenpaddeln. Auch das beste Material wird nur wenig helfen, wenn ich auf offener See in einen Sturm gerate. Deshalb ist eine zuverlässige, regelmäßig aktualisierte Wettervorhersage mit Niederschlags-, Temperatur-, Windrichtungs- und vor allem Windstärkeangaben essentiell auf dem Meer! Bei aufziehenden Gewittern kann sich die Windstärke schnell vervielfachen und die Wellen können sich zu gefährlichen Brechern auftürmen. Dann sollte und möchte man nicht nur wegen Blitzschlags nicht mehr auf dem aufgewühlten Wasser sein. Vorausschauend ist man bestenfalls schon vor dem Sturm wieder an Land. Auch deshalb gilt: Nie zu weit von der Küste entfernen!

Neben Regen von oben, gibt es bei starken (Gegen-)Winden auch Niederschlag und Spritzwasser von der Seite oder von vorne. Es kann auch ohne eisigen Wind unheimlich kräftezehrend und demotivierend sein, wenn einem stundenlang das Wasser ins Gesicht peitscht, während man kaum vorankommt! Bei starkem Seegang wird es außerdem schwieriger, das Boot zu manövrieren.

Optimalerweise weht der Wind immer vom Ufer Richtung Wasser (ablandig). So kann man möglicherweise im Windschatten des Ufers paddeln, zumindest aber jene Wellen vermeiden, die sich über lange Wasserwege aufbauen. Alternativ hat man den Wind, der gegen Abend häufig etwas nachlässt, zumindest im Rücken. Generell sollte Windstärke 3, in Böen 4 (bis 28 km/h), das Maximum sein. Das genügt bereits, um die meisten Gelegenheitspaddler in ernste Schwierigkeiten zu bringen, wenn sie dagegen anpaddeln müssen!

Bilden sich bereits großflächig Schaumkämme auf dem welligen Wasser oder brechen die Wellen sogar, paddelt man am besten gar nicht erst los. Gleiches gilt bei schlechter Sicht durch Nebel oder Dunkelheit. Auch wenn das auf einer Kanutour bedeutet, zwischendurch mal 1–2 Tage zu pausieren. Schlechtes Wetter sollte immer mit einkalkuliert werden und alles ist besser, als auf offener See zu kentern! Wird man trotz allem von Wellengang (auch Bugwellen von anderen Schiffen) überrascht, fährt man optimalerweise direkt in sie hinein. Größte Kenterungsgefahr besteht hingegen bei Lage quer zur Welle bzw. zum Wind, die unbedingt vermieden werden sollte.

Aber auch die Sonne sollte nicht unterschätzt werden: Einen Sonnenstich auf dem Wasser zu erleiden, ist kein Spaziergang, da man handlungsunfähig werden kann! Sonnenschutz durch Kopfbedeckung, entsprechende Kleidung und Sonnencremes sind obligatorisch. Um den Schreck der offenen See aber etwas zu nehmen: Wenn man Geduld und etwas Glück mitbringt, kann das Meer mitunter auch spiegelglatt und zahm wie ein Ententeich sein.

Der Faktor Mensch

Nicht zuletzt sind natürlich auch die eigenen Fähigkeiten und Kenntnisse entscheidend dafür, ob man sich eine Kanutour auf den Küstengewässern überhaupt zutraut. Eine gute, kraftsparende Paddeltechnik ist hier genauso von Vorteil wie Übung, Ausdauer, Motivation und eine realistische Selbsteinschätzung der Fitness. Wenn ich (see-)krank bin oder mich generell schlecht fühle, paddel ich auf keinen Fall los! Zumindest grundlegend sollte man sich auch mit der Verkehrsordnung auf Schifffahrtsstraßen und in Häfen auseinandergesetzt haben. Denn man wird in Küstengewässern vermutlich auch anderen (größeren) Wasserfahrzeugen begegnen, von denen man sich möglichst fernhält.

In Mecklenburg-Vorpommern bieten die Ostseegewässer mit den flacheren Bodden und Haffs auch den exklusiven Luxus, nicht (merklich) von den Gezeiten beeinflusst zu sein, sodass sie auch deshalb ein ideales Revier zum Ausprobieren für Kanutouren auf dem Meer sind. Also: gut vorbereiten und dann nichts wie raus aufs große Wasser – ob nun mit oder ohne Seekajak!

Wer das Küstenpaddeln nicht nur ausprobieren möchte, findet weitere, ausführlichere Infos zum Paddeln auf dem Meer auch auf den Seiten des Deutschen Kanu-Verbandes . Schreibt mir auch gern eure Erfahrungen in die Kommentare!